glaube | belief

 

Glaube ist die versöhnte Verzweiflung des Wissens über seine Grenzen.

 

Glaube ist die Freiheit einer Antwort von den Fragen, die nicht zu ihr geführt haben.

 

Glaube ist die menschlichste Form der Treue.

 

Glaube ist das Geschenk, von sich selbst ganz und gar absehen zu können.

 

(...)

 

| Text: Jürgen Werner

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manipulation

 

Handgriffe müssen sitzen, sonst misslingt die Handlung. Ihre unangestrengte, selbstverständliche Unabsichtlich-keit ist die Hauptvoraussetzung dafür, dass die Absicht als Tat glückt. Im besten Fall sollte man nicht sehen, woraufhin sie zielen. Je genauer sie einstudiert und je öfter sie geübt wurden, desto beiläufiger lässt sich be- wirken, was man bezweckt. Im Zauberer erreicht dieses Können einen Grad an Vollkommenheit, bei dem das Arbeiten der Hand ganz und gar in den Hintergrund ge-treten ist. Zaubern bedeutet, nur noch mit dem Ergeb-

nis konfrontiert zu werden, dessen Weg verblüffender-weise unsichtbar geworden ist. Der Magier gebraucht seine Hände so schnell, dass keiner deren Tun noch zu beobachten vermag.

 

Es kommt nicht von ungefähr, dass die Manipulation ihrer

lateinischen Wortbedeutung nach jenen Kunstgriff meint, der mit dem Geschick der Hand ausgeführt wird. Bevor es um die Verschleierung kommunikativer Absichten geht, ist die Manipulation ein körperlicher Akt. Manus, die Hand, wird dabei als Inbegriff eines verborgenen Talents angesehen. Ihre Nähe zum Geist kommt ihr gelegen; denn kein anderes Element der menschlichen Physis lässt sich derart komplex willentlich einsetzen. Nicht sel-ten überrascht, was sich zeigt, wenn die Hand ein Werk zustande gebracht hat.

 

(...)

 

| Text: Jürgen Werner

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hab und gut | goods and chattels

 

Die qualitative Bestimmung des Besitzes, nach der zwar nicht alles Haben, aber immerhin einiges ein Gut genannt zu werden verdient, macht erst die Armut deutlich, die in der Frage nach dem Reichtum liegt: „Wie viel?“

 

| Text: Jürgen Werner

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gelegentlich | occasional

 

Gerechtigkeit wird oft verstanden das gedachte gesell-schaftliche Gleichheitszeichen, das all jene ermuntert, sich darauf zu berufen, deren Rechnung mit dem Leben nicht aufgeht. Und die allzu gern das Kalkül aufgreifen, nach dem die Subtraktion auf der einen Seite das Gefühl auf der anderen verstärkt, etwas hinzubekommen zu haben. Das ist die schlichte Mathematik der Sozialpolitik.

 

| Text: Jürgen Werner

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trauer | dolefulness

 

So mancher große Lebensverlust ist verbunden mit noch größeren Nebenverlusten. Die wirken sich zuweilen stärker aus als der Anlass, der sie verursacht hat. Der Schmerz, die Gegenwart mit einem Menschen nach de-ssen Tod nicht mehr teilen zu können, verändert, wenig-stens für die Phase der Trauer, auch das Verhältnis

zur Gegenwart selbst. Hinter einer dichten Schicht aus Lähmung, Niedergeschlagenheit, Entmutigung, Ver-zweiflung gerät die eigene Präsenz in der Zeit in Gefahr. Mit dem Gestorbenen ist eine ganze Welt endgültig dahingegangen. Erst wenn sich der Lebenstrieb wehrt gegen die Kontamination durch den fremden Tod, beginnt auch der Kampf um die Wiedererlangung der eigenen Welt, deren Raub mit wachsendem Abstand zum Ereignis als maßlos empfunden wird. Warum, so die Frage, soll einer mitsterben, wenn der andere es nicht vermocht hat zu bleiben. Das kann kippen bis in die Wut, dass es einem anderen gelungen war, noch nach dem Dahin-scheiden Lebensverzicht abzufordern.

 

| Text: Jürgen Werner

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